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Filipiniana

Traumberuf Seemann

Philippinische Seeleute dominieren die Weltmeere. Keine andere Nationalität ist so stark auf Schiffen vertreten. Auch auf der havarierten Costa Concordia.

Rogelio Barsistas Stimme zittert noch immer, als er im Fernsehen von seinen Erlebnissen auf der Costa Concordia erzählt. Vom langen Warten auf Anweisungen. Vom Chaos, als sie das Schiff verließen. Und davon, wie er selbst handeln musste: „Ich habe noch nie zuvor ein Rettungsboot bedient“, sagt er. „Aber es war niemand da, der es sonst gemacht hätte.“ Barsista war eigentlich Schiffskoch auf der Costa Condordia. Er gehört zur ersten Gruppe der philippinischen Besatzungsmitglieder, die nach dem Schiffsunglück in ihre Heimat zurückgebracht wurden. Dreihundert Filipinos – von etwa 1.000 Crewmitgliedern – arbeiteten an Bord.

Auf den Philippinen ist das keine besondere Neuigkeit. Schon kleine Buben träumen davon, Seemann zu werden. Über 200.000 philippinische Seeleute sind auf der ganzen Welt unterwegs – die größte nationale Gruppe unter den Schiffsbesatzungen. Egal, ob auf Frachtschiffen am Hamburger Hafen oder auf Luxuslinern im persischen Golf. Mit Filipinos muss man immer rechnen. Sogar wenn somalische Piraten Schiffe entführen, sind oft Filipinos unter den Opfern.

Romantische Vorstellungen und ökonomische Gründe bewegen viele Filipinos dazu, als „Overseas Filipino Workers“ (OFW) ins Ausland zu gehen. Meist nach Europa, Australien, in die USA oder in arabische Länder. Dort würde der Reichtum warten; sie hoffen auf neue Chancen, während sie in der Heimat kaum Jobmöglichkeiten sehen. OFWs machen etwa zehn Prozent der philippinischen Bevölkerung aus, und ihre Rücküberweisungen elf Prozent des BIP. Ein Grund, warum die Regierung Arbeitsmigration besonders fördert. Statt unbegrenzter Möglichkeiten steht den OFWs aber nur eine kleine Auswahl an meist schlecht bezahlten Berufen offen. Unabhängig davon, was sie auf den Philippinen gelernt haben: Frauen arbeiten typischerweise als Krankenschwestern, Hausangestellte oder Kindermädchen. Männer in der Gastronomie, am Bau oder eben auf hoher See.

Philippinische Seeleute „verkaufen“ sich besonders gut. Schiffsgesellschaften werben gezielt Filipinos an, weil sie als „arbeitswillig“ gelten und gut ausgebildet sind. Auf den Philippinen bieten spezielle Schulen Seemanns-Kurse an, die allerdings um die 30.000 Pesos (540€) pro Semester kosten können. Und das bei drei bis vier Jahren Ausbildung. Carlo ist 24 und kann sich das nicht leisten. Stattdessen hat er eine Hotelfachschule besucht. „Im Grunde braucht man nur Glück“, sagt er. Er träumt davon, auf einem luxuriösen Kreuzfahrtschiff zu kellnern. Derzeit versucht er noch auf den Philippinen einen Job zu finden. Wenn es nicht klappt, will er sich als Seemann bewerben.

Auch Glenn, 29 Jahre alt, möchte zur See gehen. So wie Carlo hat auch er keine spezielle Ausbildung, und hofft stattdessen auf sein Glück. Er sitzt auf seiner Veranda in einer Kleinstadt namens Candelaria und schlürft den klebrig-süßen Löskaffee, der auf den Philippinen so beliebt ist. Er hat sich bei zwei Schiffsgesellschaften beworben und wartet täglich auf eine Antwort. Warum er Seemann werden möchte? „Um die Welt zu sehen“, sagt er. „Außerdem arbeitet mein Cousin auch auf einem Schiff.“ Derzeit verdient Glenn sein Geld als gelegentlicher Tricyle-Fahrer. Als Seemann erhofft er sich neue Perspektiven.