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Vom Rebellen zum Superhelden

Einst griff er für die maoistische Revolution zur Waffe, heute pflanzt er Erdnüsse und Obst. Eine Geschichte über den Kampf um Land.

Alle nennen ihn „Ka Digoy“, wobei die Anrede Ka für Kader der kommunistischen Partei üblich war und so viel wie Genosse heißt. Denn vor fünf Jahren war Ka Digoy noch Rebell, heute ist er ein Superheld. So bezeichnen ihn zumindest scherzhaft einige Bauern aus dem Dorf: „Super Digoy“. Seine Geschichte klingt wie aus einem Film, doch bevor Ka Digoy davon erzählt, holt er zuerst seine Digitalkamera. „Schau, das sind Obstbäume“, sagt er stolz, während er die Bilder zeigt. „Und hier ist unsere Erdnussfarm.“ Im Hintergrund lärmt der Fernseher, vor dem eine Gruppe von Kindern auf dem Boden sitzt. Sie schauen abwechselnd auf den flimmernden Bildschirm und auf die Besucherin. Kichernd und einander zuflüsternd. Etwa 200 Fotos später trifft ein anderer Bauer aus dem Dorf mit einer Flasche Matador ein – einem billigen philippinischen Brandy, um den man auf dem Land nicht herumkommt. Nach der ersten Schnapsrunde fängt Ka Digoy an zu erzählen. „Das Militär hat mich zwei Jahre lang verhört“, sagt er. „Dabei war ich zu der Zeit gar nicht mehr bei den Guerillas.“ Er spricht lang und umständlich, springt zwischen Daten und Themen hin- und her. Doch am Ende ergibt sich folgende Geschichte:

Ab Mitte der achtziger Jahre entwickelte sich die Halbinsel Bondoc, wo Ka Digoy lebt, zu einer Hochburg der maoistischen New People’s Army (NPA) (www.philippinerevolution.net). Seit über vierzig Jahren kämpfen die NPA-Rebellen gegen Feudalismus und Imperialismus auf den Philippinen und für die kommunistische Revolution. Wie in anderen ländlichen Regionen, befindet sich auch auf Bondoc ein Großteil der Landfläche in den Händen weniger Großgrundbesitzer. Sie kontrollieren die Politik und Wirtschaft auf dem Land und leben oft in den Städten, während sie zahlreiche Pächter und Landlose auf ihren Plantagen schuften lassen. Die NPA versprach den Kleinbauern eigenes Land. Die Revolution sei der einzige Weg, um nicht nur das Feudalsystem, sondern auch die Regierung zu stürzen. Dann würde es keine Ungerechtigkeit mehr geben. Geblendet von dieser Vision schlossen sich viele Bauern der NPA an. Nicht alle waren von der Ideologie überzeugt, doch sahen sie keine andere Möglichkeit, um an ihrer Situation etwas zu ändern. Außerdem hatten sie nichts zu verlieren. Sie unterstützten die Maoisten als Kämpfer, Informanten oder mit Lebensmitteln und Unterkünften. Ka Digoy trat 1985 der Guerilla bei und kämpfte sich bis in die lokale Führungsriege hinauf. Er erzählt von Kämpfen in den umliegenden Bergen, doch ins Detail geht er nicht. Auf Fragen folgen keine klaren Antworten.

Nach zehn Jahren aussichtslosem Guerillakrieg verließ Ka Digoy die Gruppe. „Ich fragte wie lange wir noch kämpfen mussten, bis wir unser Land bekommen würden“, sagt er. „Doch sie antworteten nur, dass wir noch lange nicht gewonnen hätten.“ Die Revolution schien noch weit entfernt. Ka Digoy beschloss daher, eine eigene Organisation zu gründen. Doch die Anfangsphase war schwer. NPA-Mitglieder wollten Ka Digoy überreden, zur Gruppe zurückzukehren. Gleichzeitig wurde er vom Militär verfolgt. Er galt als Hauptverdächtiger. „Jemand muss mich verraten haben“, sagt er. „Das war die Rache, weil ich die NPA verlassen habe.“ Die Soldaten glaubten ihm nicht, dass er kein Rebell mehr war. Stattdessen beschuldigten sie ihn, Gelder für die NPA einzutreiben. „Ich habe mich nie versteckt“, sagt Ka Digoy. „Als mir ein Soldat mit dem Gewehr drohte, sagte ich: ‚Schieß doch! Ich bin unschuldig.’“ Er sei eben ein Held, sagt der andere Bauer, der noch immer mit der Brandyflasche neben Ka Digoy sitzt. „Er lässt sich durch nichts davon abhalten, für Gerechtigkeit zu kämpfen.“ Er lacht, während er der Besucherin das Schnapsglas reicht.

Erst nach zwei Jahren ließ das Militär endgültig von Ka Digoy ab. Gemeinsam mit anderen Ex-Rebellen stellte er beim Umweltministerium einen Antrag auf Land. Er hatte erfahren, dass es mittlerweile ein staatliches Landreformprogramm gab. Den Pächtern steht damit per Gesetz eigener Grundbesitz zu. Doch so einfach war es nicht, an Land zu kommen. Die Behörden arbeiteten langsam und der Großgrundbesitzer wehrte sich. Mit den Bauern seines Dorfes organisierte Ka Digoy daher Proteste in Manila und verhandelte mit den örtlichen Behörden. Fünf Jahre nach der Gründung ihrer Organisation erhielten die Bauern schießlich ihre Landtitel. Damit waren sie die Ersten in der Region, denen das gelang. „Der Umweltbeauftragte wurde mein Freund“, erklärt Ka Digoy den Erfolg. Persönliche Beziehungen seien wichtig, ohne sie erreiche man auf den Philippinen nichts.

Heute nimmt Ka Digoy an einem Regierungsprogramm teil, bei dem er mit anderen Bauern etwa 2000 Hektar bewirtschaftet. Neben Zitrusfrüchten, Gemüse und Erdnüssen pflanzen sie Nutzhölzer wie Mahagony. „Ich habe alles, was ich brauche“, sagt Ka Digoy und zeigt sein zahnloses Grinsen. Seine Familie ist eine der wenigen im Dorf, die ein Steinhaus hat. Das kleine Wohnzimmmer, spärlich eingerichtet mit zwei Bänken, zwei Tischen, einem Fernseher und einer Karaokeanlage, ist durch einen Vorhang vom Schlafzimmer getrennt. Gekocht wird draußen auf einer Feuerstelle. Ka Digoys Geschichte inspiriert andere Bauern in der Region, die noch immer um eigenes Land kämpfen. Denn obwohl es eine Landreform gibt, scheitert sie immer wieder am politischen Einfluss der Großgrundbesitzer. Die Umsetzung des Gesetzes hängt nicht zuletzt davon ab, auf welcher Seite die Behörden und Gerichte stehen.