Republik
Von A bis Z
A wie Anfang
Am Anfang war die Aufsplitterung. Es gab christlichsoziale Arbeitervereine, es gab aristokratische Konservative, regionale Bauernbünde, Verbände der Wirtschaftstreibenden und den politischen Katholizismus. Der Erste, der diese verschiedenen Strömungen zu einer gemeinsamen Partei zusammenzuführen versuchte, war Karl Lueger. Er hatte Erfolg damit und wurde Wiener Bürgermeister. Nach 1945 wurde sein Konzept einer Volkspartei wieder aufgegriffen. Wieder mit Erfolg. Die ÖVP gewann überraschend die ersten Wahlen der Zweiten Republik. Seither sind alle genannten Gruppierungen unter einem Dach zusammengefasst und bilden eine stille Koalition. Wobei still bedeutet, dass sie nach außen nicht miteinander streiten dürfen. Dementsprechend sieht das Innenleben der ÖVP aus.
B wie Bauernbund
Beim Heringsschmaus isst man Hering, beim Bauernschmaus isst man … Na jedenfalls gibt es in Österreich ein bedenkliches Bauernsterben. Daraus sollte man schließen, dass es auch ein beträchtliches Bauernbundmitgliedersterben gibt. Dem ist aber nicht so. Der Bauernbund ist und bleibt eine der mächtigsten Teilorganisationen der ÖVP, und es gibt mittlerweile mehr Bauernbundmitglieder als Bauern. Das liegt an den vielen Beutebauern, die der bauernschlaue Bauernbund zu Bauernbundmitgliedern macht, obwohl sie gar keinen Bauernhof, ja mitunter nicht einmal eine Bauernstube besitzen. Der bekannteste Beutebauer ist Ernst Strasser. Er hat unlängst in Brüssel seine politische Karriere angebaut.
C wie Ceterum censeo
Das Ceterum censeo der ÖVP lautet: Wir müssen in der Regierung sitzen, denn sonst ist es nicht gut für die Partei. Weshalb die ÖVP in den bisherigen 66 Jahren der Zweiten Republik gleich 50 Jahre lang in der Regierung saß. Klarer Fall von pensionsberechtigt wegen langer Versicherungsdauer. Genauso die SPÖ: Sie hat exakt das gleiche Ceterum censeo wie die ÖVP und regierte bisher schon 55 Jahre lang. Aber alles nix gegen Kaiser Franz Joseph. Der brachte es allein auf 68 Jahre.
D wie Duo
Das Schöne an unserem Regierungsduo SPÖ und ÖVP ist, dass sie so aufeinander eingespielt sind. Sie regieren heute mit 53 Prozent Wähleranteil noch genauso unumschränkt und unangekränkelt von Selbstzweifeln, wie sie es früher getan haben, als sie noch 95 Prozent Wähleranteil hatten. Und sie werden es auch noch tun, wenn sie demnächst unter 50 Prozent fallen werden. Dann brauchen sie halt einen dritten Partner, um weitermachen zu können wie bisher. Spannend wird, ob sie sich dazu den rechten oder den linken Lutscher vom Polit-Twinnie aussuchen werden: Grün oder Orange?
E wie Erwin
Erwin Pröll wird recht unlocker, wenn Journalisten etwas Falsches über ihn schreiben. Und da es recht ungemütlich werden kann, wenn der Landeshauptmann von Niederösterreich unlocker wird, wollen wir hier nur die Wahrheit über ihn schreiben und nichts als die Wahrheit. Also: Erwin Pröll ist „nach Wirkungsdauer und Resultaten der erfolgreichste Politiker seines Landes“. Unter seiner Leitung hat sich Niederösterreich „sensationell entwickelt“, und zwar zu einem „Musterland“. Er verfügt überdies über „Offenheit, Ehrlichkeit und Authentizität“. (Die Zitate stammen aus der neuen Pröll-Biografie „Zum Glück gewinnt immer die Zuversicht“.) Und die Wahrheit.
F wie Finance
Die erstaunlichste Karriere in der derzeitigen ÖVP-Spitze hat Maria Fekter hingelegt. In jungen Jahren kurz Staatssekretärin, versank die Oberösterreicherin für lange Zeit im Meer oder, sagen wir, im Attersee der ÖVP-Abgeordneten. Von dort tauchte sie 2007 als Fraktionsführerin im Eurofighter-Untersuchungsausschuss wieder auf. Dort fiel sie durch ihr waffenscheinpflichtiges Mundwerk und die resche Art und Weise auf, in der sie dem auch nicht gerade unreschen Peter Pilz Paroli (Triple-P!) bot. Ja, und so wird man Innenministerin. Durch Reschheit. Als Fekter dann Finanzministerin wurde, gelobte sie, ihre Reschheit zu mäßigen: „Finance ist eben etwas anderes als die Kieberei“, sagte sie bei ihrem Amtsantritt. Irgendwie ist sie aber doch eine Finanzkieberin geblieben.
G wie Grasser
Karl-Heinz Grasser, der 2007 beinahe ÖVP-Vizekanzler geworden wäre, ist so etwas wie das Existenzminimum für Österreichs Aufdeckungsjournalisten. Die Vorwürfe gegen ihn haben sich mittlerweile zu einem Berg aufgetürmt, der sogar Gerlinde Kaltenbrunner reizen dürfte (Reinhold Messner war schon oben). Kurz zusammengefasst soll Grasser beim Verkauf der 60.000 BUWOG-Homepages an seinen Trauzeugen Walter Telekom einen nicht versteuerten Gratisurlaub auf der Jacht von Fiona Meinl V. eingestreift haben. Dort verliebte er sich in den Kristallerben Julius Hochegger, mit dem er sich gemeinsam auf eine intransparente Stiftung bei der Hypo Alpe Meinl legte. Dabei zeugten die beiden den Lobbyisten Peter Meischberger, der mit seinem Bestseller „Mei Leischtung“ derart viel Geld verdiente, dass er sich für sein Vorgärtlein 18 Eurofighter bestellen konnte. Die Provision teilte sich Grasser dann mit dem bekannten Waffenhändler Alfons Töchter-Söhne. Oder so ähnlich halt.
H wie Hofburg
Ein ausgesprochen besonderes Glück hat die ÖVP immer mit ihren Präsidentschaftskandidaten, besonders mit den siegreichen. Der erste war Kurt Waldheim, der zweite Thomas Klestil. Diesem verdanken wir eine der besten, wenn auch indirekten, Charakterisierungen der ÖVP. Denn als Klestil 1992 in die Hofburg einzog und deshalb seine ÖVP-Mitgliedschaft ruhend stellte, wurde er gefragt, warum er selbiges nicht auch mit seiner Mitgliedschaft im CV tue. Warum, antwortete Klestil entrüstet, der CV ist doch eine Gesinnungsgemeinschaft! – Nach diesem Sickerwitz nun eine ernste Mitteilung: Als nächste ÖVP-Präsidentschaftskandidaten sind Erwin Pröll und Othmar Karas im Gespräch.
I wie Innovation
Die ÖVP gilt nicht als die modernste aller Parteien, trotzdem hat sie der Politik eine Reihe bahnbrechender Innovationen geschenkt: eine Regierungsbildung ohne Regierungsbildungsauftrag (2000), einen Misstrauensantrag gegen den eigenen Verteidigungsminister (1987), einen Wechsel des Bundespräsidentenkandidaten trotz bereits gedruckter Wahlplakate (1974) … Quasi: „Dallas“ und „Dynasty“ nix dagegen.
J wie Jagd
Ohne Gewähr: Die Jagd soll eine der wesentlichsten Freizeitbeschäftigungen hoher ÖVP-Funktionäre sein, nach Tunlichkeit auf Einladung von Waffenlobbyisten mit Doppelnamen. Dann braucht man nämlich keine eigenen Waffen mitzubringen. Erlegt wird von der schwarzen Jagdgesellschaft vornehmlich Niederwild. Wähler treffen die ÖVPler eher selten.
K wie Kompetenz
Die ÖVP ist stolz auf ihre Wirtschaftskompetenz. Diese besteht darin, dass sie immer sagt, wir müssen sparen, es dann aber (speziell vor Wahlen) doch nicht tut. Keine Wirtschafts-, dafür aber hohe Sozialkompetenz hat hingegen die SPÖ. Sie sagt nämlich immer, wir müssen nicht sparen, tut es dann aber (speziell nach Wahlen) doch.
L wie Landesfürsten
Die SPÖ hatte immer einen in Wien und zeitweise einen in Kärnten. Aber die ÖVP hatte lange Zeit fünf, sechs oder gar sieben: Landesfürsten, Patriarchen, Provinzgiganten. Kennzeichen: klobige Hände, raue Stimme, untrüglicher Machtwille. Und ein ewiges Leben. Der längstdienende ÖVP-Bundeskanzler war Julius Raab mit acht Jahren Amtszeit. Nebbich: Der Walli in Tirol regierte 24 Jahre lang! Und Wien war immer weit, weit weg. Die Bundespolitik ist für die Landesfürsten – und die entscheiden letztlich alles in der ÖVP – nur ein Störfaktor. Bei Bedarf wechseln sie ihren Hampelmann in Wien halt aus. Dann hat er ausgehampelt.
M wie Medienpolitik
Die Medienpolitik ist eine absolute Spezialität der ÖVP. Versucht die SPÖ, den ORF in die Hand zu bekommen, ist die ÖVP drei Monate lang entrüstet und hievt dann unter großem Getöse auch einen schwarzen Direktor auf den Küniglberg. Macht sich die SPÖ den Wiener Boulevard mit Regierungsinseraten gefügig, ist die ÖVP drei Monate lang ehrlich empört, dann beginnt sie sich auch die Nummern der Wiener Inseratenabteilungen herauszusuchen.
N wie Neugebauer
Am Anfang war er Schüler von Helmut Zilk (da hätte man es schon wissen müssen). Dann war er selbst Lehrer. Dann wurde er Beamtengewerkschafter, Zweiter Nationalratspräsident und ÖVP-Bildungssprecher: Fritz Neugebauer. Manche sagen, er ganz allein ist schuld daran, dass das österreichische Bildungssystem so ausschaut, wie es ausschaut. Da sieht man wieder, was für ungeheuer mächtige Menschen in der ÖVP sitzen. Die können sich allein gegen acht Millionen Menschen durchsetzen!





