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Vorgeplänkel einer Schlacht

Agnes Heller kategorisiert den magyarischen Nationalismus.

Zu kommunistischer Zeit gab es im Ostblock, also auch in Ungarn, ein vernichtendes Schimpfwort: den Kosmopoliten. Menschen, die über geografische, politische, kulturelle, ideologische Grenzen zu schauen vermochten, wurden als der Abschaum, ja als Feinde der staatssozialistischen Gesellschaft geführt. Im Ungarn unserer Tage ist eine Sorte Leute ans Ruder gekommen, die dem Kosmopoliten in gleich hasserfüllter Abneigung gegenüberstehen. Agnes Heller, die große, international geachtete ungarische Philosophin, gilt diesen Leuten im Umkreis der neuen Staatspartei FIDESZ und des Premiers Viktor Orban als besonders abscheuliches Exemplar der Kosmopolitin, sieht sich folglich unentwegter Diffamierung und Drangsalierung ausgesetzt. Agnes Heller hat im Wahlkampf des Jahres 1994 eine kühle Kategorisierung der Spielarten des magyarischen Nationalismus verfasst, des Quells dieser geistigen Enge. Die FIDESZ, die einen radikalen Wandel zum Chauvinismus hinter sich hat, kommt da noch beiläufig als eher konstruktives Element vor. Heute ist sie der Hort der Jagdgesellschaft, die Jagd macht auf Kosmopoliten wie Agnes Heller.

Michael Frank

 

Der Begriff der Nation ist eine der wichtigsten politischen Legitimationsquellen. In der jüngsten Diskussion in Ungarn sind vier verschiedene Begriffe von Nation zu erkennen; jeder von ihnen ist typisch für eine herrschende politische Tendenz. Ich unterscheide den organisch-historischen, den bürgerlich-historischen, den ahistorisch-organischen und den pragmatischen Nationsbegriff. 

Kaum ein anderes symbolisches Ereignis der letzten Monate hat auf allen Seiten so leidenschaftliche Diskussionen ausgelöst wie die Umbettung des einstigen ungarischen Reichsverwesers Admiral Horthy. Seine Überführung aus Portugal war das Signal für die Sammlung des organisch-historischen Lagers. Nicht, weil seine Anhänger sich wirklich die Rückkehr zu einer rechten Halbdiktatur im Stile Horthys wünschten (das tun nur wenige), sondern weil der organische Historismus von dem Mythos der nationalen Kontinuität lebt. Dieser Vorstellung zufolge ist alles, was ungarische Menschen jemals im Verlauf ihrer Geschichte getan haben, im Körper der Nation gleichsam als dessen organische Erfahrung lebendig, und umgekehrt ist die Nation identisch mit allen ungarischsprechenden Männern und Frauen, die sich mit der ungarischen Geschichte identifizieren. 

Die Zeiten der Fremdherrschaft werden als große Lücken in der nationalen Geschichte betrachtet. Kommunismus und Faschismus waren dieser Konzeption zufolge ganz unorganische Substanzen in der Geschichte der Nation; vom nationalen Organismus wurden sie als Fremdkörper abgestoßen. Prominentester Vertreter der organisch-historischen Schule ist der ungarische Minis­terpräsident Jószef Antall, seines Zeichens Historiker. Er zeichnete ein stark geschöntes Bild von Admiral Horthy. In einem Interview vertrat er die Ansicht, die ungarische Monarchie sei zu allen Zeiten republikanisch gewesen; republikanisch war dann aber auch die Herrschaft des mit königlichen Rechten regierenden Horthy. Natürlich wurde Horthy nicht als der Verbündete Hitlers, an der Spitze einer Halbdiktatur mit eingeschränktem Wahlrecht und rassistischer Gesetzgebung stehend, verteidigt. Seine Herrschaft wurde einfach für eine angebliche nationale Kontinuität vereinnahmt, die sich bruchlos bis heute fortsetzt. Diese Sichtweise erklärt auch Antalls vielumstrittene und kritisierte Äußerung, im Geist sei er der Ministerpräsident für 15 Millionen Ungarn (und nicht nur für die zehn Millionen Bewohner des ungarischen Staatsgebietes).

Die bürgerlich-historische Position hat kürzlich Iván Petö formuliert, der Vorsitzende des Bundes Freier Demokraten, von Beruf ebenfalls Historiker. Er sprach, nicht minder symbolisch, am Grab des ungarischen Dichters Ferenc Kölcsey (1790–1838). Petö beschwor den Geist Kölcseys und anderer liberal gesinnter Konstitutionalisten und Idealisten der frühbürgerlichen ungarischen Vergangenheit. Ihre Parole „Vaterland und Fortschritt“ bezeichnet den Nationsbegriff, den Petö favorisiert. Sein Bild von der Nation grenzt an einen streng konstitutionellen Nationalismus, ist aber nicht mit diesem identisch.

Denn was Nation konstituiert, ist nicht die Verfassung allein; eine freie Verfassung kann im Geiste schon jahrhundertelang exis­tieren, bevor sie explizit formuliert und offiziell anerkannt wird. Die Verfechter eines liberal-bürgerlichen Nationsbegriffs fordern Rechte und Gleichheit für alle ungarischen Minderheiten in den nichtungarischen Staaten. Sie verstehen sich ausgezeichnet mit ähnlich denkenden Menschen jenseits aller Grenzen, haben aber große Probleme mit Partnern, die sich als fanatische Nationalisten erweisen.

Der ahistorisch-organische (insgeheim heidnisch-mythisch orientierte) Nationalismus wurde bisher ausschließlich von der extremen Rechten vertreten. Nach einem Treffen aller Populisten im August 1993 sind aber offenbar auch einige der alten Nationalisten und Nationalkommunisten in diese Linie eingeschwenkt. Außer Csurka sind nun auch der führende populistische Dichter Csoóri und der einstige Hoffnungsträger des Reformkommunismus, Pozsgay, auf den Zug des Populismus aufgesprungen. Dieser (dritte) Nationsbegriff ist, ungeachtet gewisser Ansätze zu einer verkürzenden Nationalgeschichtsschreibung, ahistorisch; denn er setzt das Vorhandensein einer Art von überzeitlicher nationaler Substanz im ungarischen Volk voraus.

Dieser Nationsbegriff bedeutet Abschottung und Ausgrenzung; er betrachtet alles Andersartige mit Argwohn. Er verbindet rabiaten Antisemitismus und starke Zigeunerfeindlichkeit mit einer bis zum Haß gehenden Verachtung fremder Kulturen und Völker. Zur Zeit hat diese Art von Nationalismus, allen düsteren Prognosen zum Trotz, noch sehr wenige Anhänger. Aber wirtschaftliche Not oder eine reale Gefährdung der ungarischen Minderheiten im Ausland könnten diesen Leuten zu größerem Einfluß verhelfen.

Der pragmatische Nationsbegriff ist pragmatisch im amerikanischen Sinne. Für pragmatische Nationalisten ist die Nation identisch mit ihrem Jetztzustand. Man braucht sich seine Legitimation nicht aus der Geschichte zu holen; man holt sie sich durch erfolgreiche Bewältigung der anstehenden Probleme. Am resolutesten vertritt dieses Konzept der Bund Junger Demokraten. Seine große Beliebtheit deutet darauf hin, daß die ungarische Nation aller Ideologien und großen Worte ebenso überdrüssig ist, wie sie dem Überschwang der Gefühle in der Politik mißtraut. Offensichtlich übt der Pragmatismus eine starke Anziehungskraft aus. Die Menschen glauben – ob zu Recht oder zu Unrecht, bleibt abzuwarten –, daß man alle Probleme, auch das der Minderheiten, besser auf pragmatische Weise löst, in kleinen Schritten, unter Berücksichtigung der Gegebenheiten und ohne viel Brimborium. Auch das ist eine Art von konstitutionellem Nationalismus, aber bei weitem nicht die einzige.

Es wird nicht überraschen, daß von allen Parteien und Bewegungen allein die Ungarische Sozialistische Partei keinen der vier genannten Nationsbegriffe vertritt. ­Ihre Position ist ambivalent. Auf der einen Seite legitimiert sie sich als demokratische Partei, indem sie ihre Diskontinuität betont, gleichsam als gäbe es sie als Partei erst seit gestern. Auf der anderen Seite haben die meisten Mitglieder dieser Partei das Kádár-Regime als ihr eigenes, und auch als ein sehr ungarisches, erlebt. Krass gesagt: Die Sozialisten haben ein Problem mit der Geschichte überhaupt.

Den interessantesten Beitrag zu dieser Diskussion über nationale Identität lieferte kürzlich Iván Vitányi, mit der Familie Horthy verwandt: Er entwarf in seinem Aufsatz eine Art von negativem Historismus, von negativer Theodizee der modernen ungarischen Geschichte. Im Gegensatz zu Antall, der die Vergangenheit Ungarns als republikanisches Kontinuum konstruiert, sieht Vitányi deutliche Parallelen zwischen den drei ungarischen „Königen“ mit der längsten Regierungszeit: Franz Joseph, Admiral Horthy und János Kádár. Mit diesem wiederkehrenden Muster der ungarischen Geschichte, so Vitányi, gilt es zu brechen; eine demokratische Nation muß sich in Diskontinuität zu ihrer eigenen Geschichte konstituieren.

Alle diese vier Begriffe von ungarischer Nation, samt ihren Spielarten und Kombinationen, werden binnen Jahresfrist miteinander ringen – wo nicht um die Seele der Nation, so doch um ihre Stimmen. Die in den letzten Monaten zunehmende Schärfe dieses „Historikerstreits“ ist nur das große Vorgeplänkel der kommenden großen Schlacht.