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Was ich lese und was nicht

Nino aus Wien, Musikant.
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Was ich lese...

Das Lesen meiner E-Mails am Morgen ist mir genauso wichtig wie mein Frühstück, bestehend aus einem Glas Coca-Cola und einer Zigarette. Wenn ich mit den E-Mails fertig bin, mache ich mich auf den Weg ins Facebook. Auch dort wartet eine Handvoll hochinteressanter Nachrichten auf mich. Habe ich alle sorgfältig beantwortet bzw. ignoriert, schlage ich Wikipedia auf. Ich kann stundenlang in Wikipedia lesen. Meine Lieblingsthemen sind das Klima, die mediterranen Städte, der Fußball, das Schwarze Meer und die Katze. Ich lese sehr schnell, ich lese schneller, als ich spreche. Es sei denn, ich lese mein Lieblingsbuch. „Finnegans Wake“ heißt es, James Joyce hat es geschrieben. Ich lese es nicht nur, ich spreche es laut vor mich hin. Bestimmt fünfmal habe ich es gelesen, aber verstanden habe ich es nie. Das macht es so angenehm zu lesen. Mir ist es komplett egal, worum es geht, mir ist die Geschichte wirklich egal. Ich lese es laut und falle in den Rhythmus. Als ich das Buch vor fünf Jahren zum ersten Mal gekauft habe, versuchte ich es anfänglich in der U-Bahn zu lesen. Ich verpasste stets meine Station. Mittlerweile singe ich das Buch schon fast, allerdings nicht in der U-Bahn, sondern nur zu Hause und nur, wenn ich keinen Besuch mehr erwarte. Ich schlage meist eine Seite davon auf, egal welche, und lese pro Session fünf bis zehn Seiten. Dann bin ich glücklich. Derartige Sessions kommen zurzeit vielleicht alle drei Wochen vor. Mit dem Lesen von Büchern verhält es sich bei mir ähnlich wie mit dem Hören von Musik: beides Dinge die ich nicht allzu oft mache, aber wenn, dann sehr konzentriert.

Andere Bücher, die mir gefallen haben, waren zum Beispiel „Engel, Kif und neue Länder“ und „Bebop, Bars und weißes Pulver“ von Jack Kerouac. Ja, und „On the Road“. Ein wirklich spaßiges Buch war eine Sammlung von Kurzgeschichten von Delmore Schwartz. Jeden Abend lese ich auf der ORF-Wetterseite, was mich morgen erwarten wird, und das sind oft schlechte Neuigkeiten. Wie vorhin erwähnt ist das Klima eines meiner Lieblingsthemen, und das scheint mir in Wien recht ungünstig im Vergleich zu anderen Städten. Auf der Wetterseite des ORF finden sich immer wieder Tippfehler. Ja, ich liebe Rechtschreibfehler, Tippfehler und Grammatikfehler. Ich bin der Meinung, dass jeder Fehler die Sprache bereichern kann. Mir sind immer wieder Fälle untergekommen, in denen der Fehler sich besser und sinnvoller liest als die richtige Variante.

 

Was ich nicht lese:

Was ich nicht lese, sind Berichte über „Der Nino aus Wien“. Es sei denn, jemand sagt mir ausdrücklich, dass ich einen bestimmten Artikel lesen muss, weil eine eindeutige Lüge darin vorkommt. Dann muss ich es überprüfen, um mich beim jeweiligen Autor beschweren zu können. Lügen kommen immer wieder vor. Geschichten über meine Klebstoffvergangenheit zum Beispiel. Die lese ich ebenso ungern wie falsche Altersangaben. Außerdem fällt es mir sehr schwer, meine eigenen Schriften zu lesen. Ich schreibe zwar viel, ich schreibe jeden Traum auf, der mir halbwegs interessant erscheint, aber lesen kann ich ihn nicht. Sobald ich nämlich beginne, meine eigenen Erzeugnisse durchzulesen, falle ich in eine nie endende Trance des Umschreibens. Ich ändere die Buchstaben, Wörter und Sätze, bis es nichts mehr mit dem ursprünglich Verfassten zu tun hat.

Auch wenn ich es mir stets vornehme, lese ich nie die Reklame, die in meinem Postkasten auf mich wartet. Infolgedessen liegt ein großer Stapel hochinteressanter Zettel und Prospekte in einem Eck meines Wohnzimmers, von Billa über Spar bis hin zu einem bildreichen Gratismagazin namens Active ­Beauty. Einmal versuchte ich, einen kleinen Teil des Stapels in mein Bett mitzunehmen, um ihn vor dem Einschlafen durchzulesen. Das war keine gute Entscheidung. Ich bekam starken Hunger, und mein Kühlschrank ist leider fast immer leer. Das Fernsehprogramm lese ich auch nie, weil mich das Durchzappen schon immer fasziniert hat. Man weiß nie, was als Nächs­tes kommt. Das ist einerseits ärgerlich, weil ich dadurch oft die besten Sendungen verpasse, andererseits freue ich mich hin und wieder darüber, eine neue Sendung zu entdecken. Die überraschendste und schönste Entdeckung war die großartige ATV-Sendung über Vampire. Sollte ich einmal doch Essen in meinem Kühlschrank vorrätig haben, würde ich niemals auf die Idee kommen, die Inhaltsstoffe zu lesen. Es würde mich nur irritieren. Ich rede mir lieber ein, dass all meine Speisen direkt vom Bauernhof oder direkt vom Meer den Weg in mein Zuhause gefunden haben. Natürlich weiß ich, dass die meisten Nahrungsmittel aus riesigen Fabriken stammen, aber ich bin froh, genug Fantasie zu haben, um das zu ignorieren. Es gibt natürlich viel mehr Dinge, die ich nicht lese. Japanische Magazine, geheime Tagebücher fremder Personen oder die Salatkarte im Restaurant. Diesen Artikel werde ich ganz bestimmt auch niemals lesen.