Hopfengarten
Upgegraded
Die Klage ist aus der Wirtschaft bekannt: Ratingagenturen verfolgen US-Interessen, da sie allesamt in den USA beheimatet sind. Der Website ratebeer.com ergeht es da nicht anders. Ein typisch amerikanisches Faible für extreme, besonders starke und/oder hopfige Biere attestierte ihr vergangenes Jahr der Brite Martyn Cornell in seinem Blog.
Zumindest implizit ist Ratebeer-Geschäftsführer Joe Tucker in der Jahreswertung 2012 darauf eingegangen. Neben großen US-Städten erwähnte er bei der Präsentation Ende Jänner extra Australien, Schweden, Italien und Brasilien als aufsteigende Craft-Biermärkte. 3,5 Millionen Rezensionen seien im vergangenen Jahr eingegangen, 140.000 Biere von 12.000 Brauereien weltweit von den Nutzern getestet worden – was Ratebeer zum größten Bierwettbewerb der Welt mache. Und der aktivste Biertester auf Ratebeer sei derzeit kein Amerikaner, sondern ein Däne: Jan Bolvig aus Vestjylland, der bisher 23.332 Rezensionen beigetragen hat.
„Obwohl der Großteil der Rezensenten und Biere aus den USA stammt, wird die Community durch viele Top-Ten-Tester von außerhalb der USA ergänzt“, schrieb Joe Tucker. „Genauso, wie viele der besten Biere aus verschiedenen Ländern stammen.“ Das ist dann natürlich auch eine Sache der Auslegung. Schauen wir also, in welchen Kategorien Ratebeer Auszeichnungen vergeben hat.
Es gibt in diesem Jahr 19, und die Sache ist für Europäer einigermaßen kurios; beispielsweise wird zwischen Porter und Stout unterschieden, weil man unter Porter offensichtlich die starken Stouts versteht. Diesbezüglich schwelt ein alter Konflikt zwischen Bierkritikern und -brauern in Großbritannien und Übersee. Jedenfalls war in England Porter einst das schwächere Bier, Stout entstand hier als Begriff für das „extrastarke“, das „extra stout“ Porter. In den USA hat sich die Bezeichnung umgekehrt, Porter steht nun für die starke Variante des Stout. Die Ursache liegt wohl darin, dass englische Brauer bis zur Russischen Revolution extrastarkes Porter über den Seeweg von England ins Zarenreich brachten oder direkt dort brauten – und es nicht als Stout, sondern als „Imperial Porter“ vermarkteten. 1917 machten dann die Bolschewiken die Grenzen dicht und verstaatlichten die britischen Porter-Brauereien. Die US-Microbrewer verstehen heute unter Porter dieses Imperial Porter, also das superstarke russische Bier.
Folgende 19 Kategorien hat Ratebeer herangezogen: Helles Lager, Bock/Starkes Lager, Spezialität (Fruchtbier, geräuchertes Bier wie in Bamberg, gewürztes Bier), English Style Pale & Bitter, IPA, Double IPA, Wenig/kein Alkohol, Stout, Strong Ale, Porter, Sour Ales (Geuze/Lambic, mit Früchten und ohne), Belgian Session (eine breite Kategorie mit belgischen Dubbels, belgischen Ales, Saisons und Bières de Garde), Belgian Strong, American Amber/Pale, Weizen, Dunkles Lager, Cider (Apfel-/Birnenmost), Mead (Honigbier/-wein), Sake (Reiswein).
Ratebeer hat damit zwei bis drei Getränke in die Liste aufgenommen, die kein Bier sind (Cider) oder deren Biersein umstritten ist (Mead, Sake). Das ist schön, weil es die Welt vergrößert. Ansonsten sehen wir: Untergärige Biere spielen eine untergeordnete Rolle. Von den verbleibenden 16 Kategorien beschäftigen sich nur drei ausschließlich mit untergärigen Bieren (Helles Lager, Bock/Starkes Lager, Dunkles Lager), eine zumindest teilweise (Wenig/kein Alkohol). Zwölf davon beziehen sich rein auf obergärige Biere – drei Viertel der Liste.
Ich kann dem nicht einmal widersprechen, obergärige Biere haben geschmacklich nun einmal gewisse Vorteile gegenüber untergärigen, auch wenn die untergärigen die Bierwelt beherrschen. In Österreich stellen die industriellen Brauer gerade einmal ein obergäriges Bier her, ein Weizen. Der heimische Marktführer Brau Union führt als Teil von Heineken zwölf untergärige Marken (inklusive Schlossgold), aber mit Edelweiss nur eine obergärige.
Betrachten wir also das österreichische Abschneiden in den drei Kernfächern, den untergärigen Kategorien (helles Lager, dunkles Lager, Bock): Es gibt keines. Österreichische Biere kommen auf den ersten zehn Plätzen jeder Kategorie nicht vor.
Bei hellem Lager finden wir eine dänische Brauerei (Mikkeller, zweimal), eine italienische (Birrificio Italiano), eine tschechische (Plzensky Prazdroj = Pilsner Urquell, im Besitz von SABMiller), zwei kanadische (Les Trois Mousquetaire, Hopfenstark) und vier amerikanische (Heater Allen, Cigar, Sly Fox, Victory).
Bei Bockbier gibt es vier deutsche (Aying, Weihenstephan, Weltenburg, Andechs), wieder Dänemarks Mikkeller, Japan (Kiuchi), Italien (Birra del Borgo) und dreimal USA (Bells, Shmaltz, Three Floyds).
Bei dunklem Lager listet Ratebeer eine deutsche Brauerei (Aying mit dem Oktober Fest-Märzen) und neun amerikanische: Rogue, Port Brewing/Lost Abbey, Three Floyds, Shorts, Cigar City, Sprecher, Moonlight, The Duck-Rabbit und Surly.
Zumindest bei Letzterem, den dunklen Lagerbieren, gibt es ein krasses Versäumnis der heimischen Brauereien, ob sie nun groß sein mögen oder klein. Denn fast keine von ihnen braut heute den Stil, mit dem Wien (und damit Österreich) einst im 19. Jahrhundert weltberühmt geworden ist: das Wiener Lager, jenes rötlich-bernsteinfarbene Bier, mit dem Anton Dreher ab 1840 die Schwechater Brauerei zur größten des Kontinents ausbaute (und das bei Ratebeer unter die Dunklen Lager fällt). Wir können offenbar mangels Dokumenten nur mutmaßen, wie es damals gebraut wurde, aber immerhin könnten wir es. Wirklich versuchen tun es nur die amerikanischen Brauereien. Hier hat sich der Begriff Vienna Lager erhalten, in Österreich nicht.
Zur Ehrenrettung sei zweierlei gesagt: Sieben der zehn Erstplatzierten in der Kategorie Dunkles Lager waren Schwarzbiere (Wiener Lager war gar keines dabei). Und in den Paradekategorien IPA, Stout und Strong Ale landete kein einziges britisches oder irisches Bier unter den ersten zehn, von der Kategorie Double IPA ganz zu schweigen.
Hier zeigt sich auch die Absurdität der Liste. Die Gewinner bei Stout sind allesamt Imperial Stouts, also Biere mit weit ausgereiztem Akoholgehalt (neunmal USA, einmal Mikkeller). Unter den English Style Pales & Bitters taucht kein einziges klassisches Bitter oder Mild auf, sondern fast nur Alkoholbomben vom Typ Extra Special Bitter (ESB). Und in der Kategorie Weizen wurden hauptsächlich Weizenböcke ausgezeichnet oder Imperial Weizen, teilweise „Barrel Aged“ – also nicht die Besten unter den herkömmlichen Weißbieren, sondern die mit Turbo und Spoilern hintendran.
Da mag man dann Martyn Cornell mit seiner Kritik recht geben. Denn wir als Konsumenten trinken nicht nur Superstar(k)biere. Und wir sollten diesen Zugang auch von den Rezensenten und Ratingagenturen verlangen. Es ist eine Kunst, ein gutes klassisches Weizen zu machen. Es wäre auch eine Kunst, ein klassisches Wiener Lager, ein klassisches Ale zu machen. Nur geht das offenbar unter im „Größer, Weiter, Mehr“ des Ratebeer-Rankings. Trotz dreieinhalb Millionen Testberichten.



