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Wiener Mischung

Benzodiazepine sind der tödlichste Stoff der österreichischen­ Drogenszene. Nun soll eine Verordnung helfen. Das Problem: Die Dealer­ sind meistens Ärzte.
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15 Euro für zehn Tabletten, mehr darf es nicht kosten. „Wenn einer 20 will, sag ihm, er soll sie sich in den Arsch schieben“, rät der Mann im schwarzen Trainingsanzug mit den zurückgegelten Haaren. Er steht bei der Badner-Bahn-Endstation Karlsplatz schräg gegenüber der Wiener Oper an einem Geländer, alle paar Minuten rattert die Straßenbahn vorbei. Seit die U-Bahn-Passage am Karlsplatz umgebaut wird, treffen sich hier all jene, die brauchen oder haben. Gerade noch hat sich beim Kebabstand ein Polizist mit einem Döner versorgt, keine fünf Minuten später schleichen verwahrlost wirkende Gestalten herum, die meisten sind auf der Suche nach Somnubene, Rohypnol, Praxiten, Anxiolit oder kurz: Benzos. Sie sind teuer wie nie zuvor, der Preis am Schwarzmarkt explodiert gerade. Ein Mann sitzt auf seiner Gehhilfe, er sieht aus wie Mitte 60, hat kaum mehr Zähne und eine braune Kappe am Kopf. „Wartet ihr schon lang? Ich brauch auch welche, ich hab nur mehr Substi. Wo sind’s denn heut, die Arschlöcher?“ Diesmal hat er Pech. Bevor ein Dealer auftaucht, kehrt die Polizei zurück. Eine Routineangelegenheit. Die Beamten scherzen mit den Süchtigen, als sie wieder einmal ihre Personalien aufnehmen und sie bitten zu gehen. Sie zu durchsuchen ersparen sie sich. 

Heroin, Crack und Ecstasy kennt jeder, Benzodiazepine sind in der Öffentlichkeit nahezu unbekannt. Dabei sind sie das größte Problem, mit dem Suchtmediziner und Drogenpolitik zu kämpfen haben. Der tödlichste Stoff, den es zu kaufen gibt. Und die meisten Süchtigen bekommen ihn nicht auf der Straße, sondern von ihren Ärzten verschrieben. 177 Menschen wurden im Jahr 2011 nach einer Überdosis obduziert, bei 138 von ihnen wiesen die Pathologen psychoaktive Medikamente nach, überwiegend Benzodiazepine. Heroin lediglich in sieben Fällen. Da in Österreich immer seltener obduziert wird, dürfte die Dunkelziffer höher liegen. Fakt ist: Der „goldene Schuss“ wurde längst abgelöst von einem Cocktail an Substanzen, deren Kombination meist zu einem Herz-Kreislauf-Versagen führt. Die gleichzeitige Abhängigkeit von Opiaten, Alkohol und Benzodiazepinen ist ein österreichisches Problem – „Wiener Mischung“ wurde sie getauft.

Benzo-Süchtige sind leicht zu erkennen. Wer in Wien regelmäßig mit der U-Bahn fährt, kennt ihren Anblick: blaue Lippen, orientierungslos, geistesabwesend, kaum zurechnungsfähig. Sie wandeln umher wie Zombies. „Bei einer hohen Dosis an Benzodiazepinen ist die Gesprächsfähigkeit eingeschränkt, Gedächtnisstörungen treten auf, die Menschen sind sehr ungeduldig“, sagt Margit Putre. Sie leitet den Bereich „Beratung, Betreuung, Wohnen und Versorgung“ beim Jedmayer, der Nachfolgeeinrichtung der Drogenberatungsstelle Ganslwirt. Hier können Spritzen getauscht werden und Patienten sich beraten lassen, auch eine Notschlafstelle mit 26 Betten gibt es. Putre steht im Tageszentrum der Einrichtung; hier verbringen jene ihren Tag, die ganz unten angekommen sind. Zwei Zivildiener geben Essen und Getränke aus, aufgeteilt in Raucher und Nichtraucher sitzen hier bis zu 240 Menschen pro Tag und überbrücken ihren Alltag in einer Café-artigen Atmosphäre. „Sehr verbreitet“ sei der Benzodiazepin-Konsum unter den Gästen, sagt Putre, meist als Beimittel zu anderen Substanzen. Sie deutet mit einem Nicken auf einen Mann, der reglos an einem Tisch sitzt, den Kopf auf der Tischplatte – „Benzodiazepine“. Benzo-Konsumenten würden nicht viel wahrnehmen, sagt Putre, „die sind in ihrer Welt“. Selbst halten sie sich aber für absolut fit: „Sie sind nicht mehr in der Lage, sich aufrecht zu halten, aber das, was sie verfolgen, verfolgen sie mit einer ungeheuren Akribie.“ 

Wie viele Menschen süchtig nach Benzodiazepinen sind, lässt sich nicht sagen. Wie viele Benzodiazepine verschrieben werden, auch nicht. Laut dem Drogenbericht 2012 sind in Österreich zwischen 30.000 und 37.000 Menschen abhängig von Opiaten wie Heroin; viele davon – quasi nebenbei – auch von anderen Substanzen wie Benzodiazepinen. Knapp 17.000 von ihnen befinden sich in Substitutionstherapie, erhalten ihre Opiate also aus der Apotheke. Vor allem unter Substitutspatienten war laut dem Bericht „in den letzten Jahren ein Anstieg des Missbrauchs von Benzodiazepinen“ zu beobachten. Doch nur die wenigsten von ihnen besorgen sich ihren Stoff auf der Straße, denn er ist in jeder Apotheke zu haben und wird von nahezu allen Ärzten verschrieben; meistens zusätzlich zum Substitutionsmittel. Wie verzweifelt jene sind, die sich am Schwarzmarkt eindecken müssen, zeigt die Gewinnspanne der Dealer: In der Apotheke kostet ein Streifen Somnubene mit zehn Tabletten 1,50 Euro, ein Zehntel des Straßenpreises. Nun sollen die Verschreibungen durch Ärzte strenger kontrolliert werden.

„Tatsache ist, dass diese Medikamente bei Personen mit Opiatproblem zu häufig verschrieben wurden und dass die Kombination Opiate und Benzodiazepine zu oft vorkommt und zu großen Schwierigkeiten führt“, sagt Johanna Schopper, Nationale Drogenkoordinatorin im Gesundheitsministerium. Im Mai hat das Ministerium neue Leitlinien veröffentlicht, die Ärzte zu einem strengeren Umgang mit Benzodiazepinen aufrufen – verpflichtend sind sie nicht. Das Problem könnten sie dennoch lindern: Viele Ärzte sind überfordert, weil Suchtkranke zu ihnen kommen, die bereits von hohen Dosen Benzodiazepinen abhängig sind. Weil Suchtkranke auf „Doktor-Shopping“ gehen, also mehrere Ärzte abklappern, um von ihnen kleinere, unbedenkliche Benzo-Dosen zu bekommen. Und weil Suchtkranke Rezepte fälschen. 95 Prozent der Rezeptfälschungen in Wien betreffen Benzodiazepine.

„Der Umgang mit mehrfach substanzabhängigen Patienten ist schwierig. Wo es Grauzonen gibt oder Unklarheiten, wie mit den Patienten umzugehen ist, versuchen wir den Ärzten Hilfestellungen zu geben“, sagt Schopper. Flankiert werden die Maßnahmen von einer Verordnung: Somnubene und Rohypnol, die unter Suchtkranken beliebtesten Benzodiazepine, dürfen ab 15. Dezember nur noch mit einer Suchtgiftvignette abgegeben werden, so wie bisher schon Opiate. Sie wirken unmittelbar und geben einen schnellen Kick – „schnell anflutend“ nennen das Mediziner. Die Novelle soll Fälschungen erschweren und die Abgabe kon­trollierbar machen.

Aber was sind Benzodiazepine eigentlich und warum haben sie Suchtkranke für sich entdeckt? Zunächst einmal sind sie einfach Beruhigungsmittel. Sie kamen in den Sechzigerjahren auf den Markt und wurden sofort zum Hit. Und zwar als Valium, das gerne Hausfrauen verschrieben wurde, um sie gut über den Tag zu bringen, und in der Folge als Song der Rolling Stones, die dem Medikament 1966 seinen Spitznamen „Mother’s Little Helper“ verpassten. Schon damals stand es im Verdacht, nicht immer ordnungsgemäß eingenommen zu werden: „And though she’s not really ill / There’s a little yellow pill / She goes running for the shelter / Of her mother’s little helper“. Rohypnol, ein anderes, noch stärkeres Medikament aus der Benzo-Gruppe, machte als „Date-Rape-Drug“ zweifelhafte Karriere: Männer mischten es Frauen ins Getränk, um sie betäubt und willenlos zu machen. Die Frauen konnten sich später an nichts mehr erinnern. Seither ist den stärksten Benzodia­zepinen ein Farbstoff beigemischt, um Missbrauch sofort sichtbar zu machen: Werden sie in einem Getränk aufgelöst, verändert sich die Farbe – und weil Süchtige sie lutschen statt schlucken, um die Wirkung zu erhöhen, verfärbt sich bei ihnen der gesamte Mundraum blau. Die Mittel können innerhalb weniger Wochen körperlich süchtig machen, geistig noch schneller.