Alter Text
Wo kommen die Löcher im Käse her?
Auch DATUM kommt nicht umhin, sich den fundamentalen Fragen des Daseins zu stellen. Doch Kurt Tucholsky, Großmeister des grotesken Dramoletts, lässt uns erahnen, dass am Ende allen Trachtens, gewisse Welträtsel zu ergründen, nur Vergeblichkeit stehen wird. Vor 83 Jahren erschien das Käse-Drama unter Tucholskys Pseudonym Peter Panter in der „Vossischen Zeitung“. (Michael Frank)
Wenn abends wirklich einmal Gesellschaft ist, bekommen die Kinder vorher zu essen. Kinder brauchen nicht alles zu hören, was Erwachsene sprechen, und es schickt sich auch nicht, und billiger ist es auch. Es gibt belegte Brote; Mama nascht ein bißchen mit, Papa ist noch nicht da.
„Mama, Sonja hat gesagt, sie kann schon rauchen – sie kann doch noch gar nicht rauchen!“ – „Du sollst bei Tisch nicht reden.“ – „Mama, guck mal die Löcher in dem Käse!“ – Zwei Kinderstimmen, gleichzeitig: „Tobby ist aber dumm! Im Käse sind doch immer Löcher!“ Eine weinerliche Jungenstimme: „Na ja – aber warum? Mama! Wo kommen die Löcher im Käse her?“ – „Du sollst bei Tisch nicht reden!“ – „Ich möcht aber doch wissen, wo die Löcher im Käse herkommen!“ – Pause. Mama: „Die Löcher … also ein Käse hat immer Löcher, da haben die Mädchen ganz recht! … ein Käse hat eben immer Löcher.“ – „Mama! Aber dieser Käse hat doch keine Löcher! Warum hat der keine Löcher? Warum hat der Löcher?“ – „Jetzt schweig und iß. Ich hab dir schon hundertmal gesagt, du sollst bei Tisch nicht reden! Iß!“ – „Bwww –! Ich möcht aber wissen, wo die Löcher im Käse … aua, schubs doch nicht immer …!“ Geschrei. Eintritt Papa.
„Was ist denn hier los? Gun Ahmt!“ – „Ach, der Junge ist wieder ungezogen!“ – „Ich bin gah nich ungezogen! Ich will nur wissen, wo die Löcher im Käse herkommen. Der Käse da hat Löcher, und der hat keine –!“ Papa: „Na, deswegen brauchst du doch nicht so zu brüllen! Mama wird dir das erklären!“ – Mama: „Jetzt gib du dem Jungen noch recht! Bei Tisch hat er zu essen und nicht zu reden!“ – Papa: „Wenn ein Kind was fragt, kann man ihm das schließlich erklären! Finde ich.“ – Mama: »Toujours en présence des enfants! Wenn ich es für richtig finde, ihm das zu erklären, werde ich ihm das schon erklären. Nu iß!“ – „Papa, wo doch aber die Löcher im Käse herkommen, möcht ich doch aber wissen!“ – Papa: „Also, die Löcher im Käse, das ist bei der Fabrikation; Käse macht man aus Butter und aus Milch, da wird er gegoren, und da wird er feucht; in der Schweiz machen sie das sehr schön – wenn du groß bist, darfst du auch mal mit in die Schweiz, da sind so hohe Berge, da liegt ewiger Schnee darauf – das ist schön, was?“ – „Ja. Aber Papa, wo kommen denn die Löcher im Käse her?“ – „Ich habs dir doch eben erklärt: die kommen, wenn man ihn herstellt, wenn man ihn macht.“ – „Ja, aber … wie kommen denn die da rein, die Löcher?“ – „Junge, jetzt löcher mich nicht mit deinen Löchern und geh zu Bett! Marsch! Es ist spät!“ – „Nein! Papa! Noch nicht! Erklär mir doch erst, wie die Löcher im Käse …“ Bumm. Katzenkopf. Ungeheuerliches Gebrüll. Klingel.




