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Republikbilder

Zwischenräume

Das Leben als Durchgangszimmer
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Die Einheiten sind innerhalb ihrer Abteilungen beinahe identisch ausgestattet. Sie ähneln nüchtern gestalteten, zweckdienlichen Hotelzimmern, manche davon sind gekachelt (Parterre), manche verfügen über Fernsehgeräte (Dachgeschoß). Ein Bett in der Mitte oder auf der Seite, ein Nacht- oder Tageskästchen rechts oder links, notwendige Apparaturen und Stauräume – Uhren fehlen oder sind nicht sichtbar; die punktgenauen Zeiten und Zeiger verlieren hier verrinnenderweise ihre Rolle. Das Bett: intimster Bereich, zu dem im Normalfall bloß engste Vertraute Zugang haben, Rückzugsgebiet und Refugium, Ruhe- und Erholungsoase und gleichzeitig Ausgangspunkt, Anfang und Ende von Existenz: in „ordentlichen“ Verhältnissen darin (lustvoll) gezeugt, geboren und gestorben. 

In vielen Kliniken befindet sich die Geburtenstation im Keller. Dort herrscht hektische Betriebsamkeit, die Schwestern kümmern sich auch um nervöse und überforderte werdende Väter vor der Tür, bevor sie sich wieder zu den werdenden Müttern hineinbegeben, deren Schreie den Lärm der Geräte übertönen. Es geht ums Leben. Die Spuren, die sie hinterlassen, zeugen von Gewalt, von einem gewaltigen Eingriff, von Blut und Exkrementen und Anstrengung und summa summarum: einer Sensation. Die gebärende Frau checkt freiwillig – mit wenig bis gar keinem Gepäck – ein und geht mit einem neuen Menschen im Maxi-Cosi weg. In den meisten Fällen ist sie hinterher zwar erschöpft, aber glücklich.

Im letzten Stock befindet sich die Palliativ- oder Geriatriestation. Dort trifft man auf die alte Frau bzw. den alten Mann, manchmal Jüngere, zu früh Abberufene, durch einen unheilbaren Krebs Gezeichnete. Die Atmosphäre da oben, in Himmelsnähe, ist angenehm: Es herrscht Ruhe, in den Aufenthaltsräumen wird Tee kredenzt, man spricht leise, selbst wenn der eine oder andere Verwandte kurz aufschluchzt und sich vorbereitet auf das Unausweichliche. Die Spuren, die zurückbleiben, nachdem eine Verstorbene oder ein Verstorbener den Raum verlassen hat bzw. deren Leichnam abtransportiert wurde, sind ungeöffnete Kekspakete, verblasste und welke Blumen in der Vase, die ausgeleierten Hauspatschen des Großvaters, die man ihm nachgebracht hatte und die jetzt niemanden interessieren, wozu auch? Die oder der mittlerweile nicht länger unter uns Weilende hat mehr oder weniger freiwillig eingecheckt. Er oder sie ist ohne etwas gekommen und ging ohne etwas weg. Es ging ums Sterben, um letzte Schritte.

Die Zimmer sind nicht zum Bleiben gedacht und eingerichtet. Sie sind Übergangs- und Zwischenstationen. Natürlich wäre es schöner, wenn jemand im eigenen Bett sterben dürfte, ohne allzu große Schmerzen in vertrauten Gefilden – der Kreis würde sich auf wunderbare Art schließen. Oftmals ist das jedoch nicht möglich oder durch die künftig Hinterbliebenen zu bewerkstelligen.

Das Bett als zentraler Ort des Geschehens – ob im Krankenhaus, das in diesen Fällen kein Krankenhaus ist, weil’s um unabdingbare Dinge geht, um Leben geben und Leben lassen, oder zu Hause: Der Prozess findet im Liegen – wenn die Reserven es erlauben, von kurzzeitigem Umhergehen und Übungen unterbrochen – statt, im Abwarten und Zulassen und Zusteuern auf das nächste Tor. Der Übertritt von der einen Welt in die andere, von der wir nicht wissen, ob wir sie bereits kennen und ob wir sie mögen werden, erfordert enorme Kraft und Hingabe – sowohl von denen, die hinein-, als auch bei jenen, die hinauswollen/-müssen.

In Anbetracht der Grundrisse und architektonischen Gegebenheiten eines Klinikgebäudes könnte man mutmaßen, dass wir alle im Keller (oder im Erdgeschoß, aus dem Schoß der Mutter) starten, um anschließend dem Leitsystem bis aufs Dach zu folgen: Dazwischen liegen ein Durchgangszimmer und/oder ein paar Etagen mit Verbindungstüren (die man allerdings nur in eine Richtung öffnen kann!), die man gemeinhin Leben nennt.